Entrepreneurship

10 Jahre Selbstständigkeit – was ich gelernt habe

10. Juli 2019 · Sascha Böhr

„Das kann doch nicht klappen!“ – ein Satz, der mich seit dem Sprung in die Selbstständigkeit begleitet. Warum ich es trotzdem einfach gemacht habe.

Damals (2009) war Facebook in Deutschland noch ganz neu, die Plattform hat mich sofort begeistert. Ich sah darin das Potenzial als Marketingkanal für Unternehmen. Doch dafür einen sicheren Job aufgeben? Ist es das Wert? Und das in meiner beschaulichen Heimatstadt Koblenz?

Jetzt, zehn Jahre später, kann ich mit Gewissheit sagen, es hat sich gelohnt. Mittlerweile ist aus der anfänglichen Idee eine Digitalagentur mit 18 Mitarbeitern geworden. In einer zweiten Softwarecompany sind es nochmal genausoviele. Der Weg dorthin gleicht einer Achterbahnfahrt und es waren einige schlaf- und ruhelose Nächte dabei. Aber fangen wir mal vorne an:

Alles begann mit Facebook

Als erstes begann ich, Kampagnenkonzepte zu erarbeiten. Dazu erforschte ich die Mechanismen von Facebook und konnte die ersten Kunden begeistern. Da das Thema komplett neu war, kam ich recht schnell mit großen Marken ins Gespräch, die nach Facebook-Experten auf der Suche waren. 2010 folgte die Gründung einer GmbH, zusammen mit zwei Bekannten. Als spezialisierte Social-Media-Agentur konnten wir für Ariel (P&G) den ersten Fotowettbewerb in Deutschland direkt auf Facebook realisieren. Diese Referenz war ein Türöffner zu weiteren Kampagnenkunden. Wir konnten die ersten Mitarbeiter anstellen. Außerdem kam das erste eigene Büro im städischen Startup-Gebäude, dem TechnologieZentrum Koblenz, das selbst noch ganz neu war.

Die erste Krise

Dann zerbrach erstmal alles: Aufgrund von Streitigkeiten über die Ausrichtung des jungen Unternehmens kam es zum Bruch mit den Mitgründern, diese verließen das Unternehmen. Das zu überwinden war nicht leicht, da natürlich die Anteile bezahlt werden mussten und gleichzeitig mit einem Schlag viel weniger Leute da waren. Es brauchte eine neue Mannschaft. Über Empfehlungen konnte dann tatsächlich ein schlagkräftiges Team aufgebaut werden. Und eine neue Idee gab es auch: Eine Art CMS, womit man sich eigene Facebook-Tabs erstellen kann. Tabs waren Unterseiten einer Fanpage, auf denen man Informationen, aber auch interaktive Elemente unterbringen konnte (z.B. Gewinnspiele). Das Ganze sollte so simpel sein, dass jeder ohne Programmierkenntnisse sich selbst so einen Tab zusammenbauen kann. An der Realisierung dieser Vision wurde mit dem Design- und Entwicklerteam intensiv gearbeitet. Da das Produkt schnell recht komplex wurde und es immer neue Tab-Ideen gab, brauchte es ein größeres Team. Es begann eine intensive Zusammenarbeit mit unseren Technologiezentrum-Nachbarn Brickmakers, für deren Gründer Timo ich vorher bereits als Angestellter gearbeitet hatte. Zu diesem Zeitpunkt waren wir knapp zehn Leute, was den Vorteil hatte, dass jeder immer wusste, was alle anderen machen – heute undenkbar.

Die Anfänge von 247GRAD

Die Erfolgsgeschichte des TABMAKER

Die TABMAKER Suite basierte auf dem Freemium-Modell. Es gab kostenlose Apps, z.B. um ein Impressum auf die Facebook-Seite einzubinden oder einen Twitter-Feed. Für die Gewinnspiel- und Fotowettbewerb-Tabs wurde eine Lizenzgebühr fällig. Ein Highlight war sicherlich auch die Adventskalender-App, worauf wir heute noch angesprochen werden. Da bis dahin für solche Aktionen immer eine individuelle Entwicklung erforderlich war, waren der TABMAKER im Vergleich sehr preiswert. Insgesamt waren die Apps auf über 300.000 Facebook-Seiten auf der ganzen Welt installiert. Wir hatten ein Backend, über das wir sehen konnten, wer alles die App installiert hatte. Oft tauchten größere Namen auf, irgendwann war sogar Linkin Park dabei. Außerdem war es damals noch möglich, ein „Gefällt mir“ einzufordern, bevor man den Tab installieren durfte, deshalb hat unsere eigene Fanpage immer noch über 200.000 Likes.

Parallel zum TABMAKER lief auch das Projektgeschäft weiter und wir bauten auch einen Interactive-Bereich auf, der für Webentwicklung zuständig ist. Doch dann kam es erneut zum Bruch. Die Wege von 247GRAD und Brickmakers trennten sich, wir entwickelten das Produkt auf eigene Faust weiter. Auch hier ging die Trennung aber nicht spurlos vorüber, denn auch das Team war dadurch natürlich deutlich dezimiert und auch Know-How ging verloren. Aber es ging weiter und es kamen neue Leute dazu. Eine extrem schwere Entscheidung trafen wir Anfang 2015, als der immer noch erfolgreiche TABMAKER beerdigt wurde. Facebook hatte sich grundlegend verändert und der Tab an Bedeutung verloren, dennoch warf das Produkt Gewinn ab. Wir entschieden uns für den harten Cut und schufen Kapazität für neue Ideen.

Eine neue Idee wird Wirklichkeit

Eine davon war bereits in der Prototyp-Phase: Eine Webanwendung, mit der man einen Redaktionsplan pflegen kann und mit der Facebook-Posts und Tweets zeitgesteuert gepostet werden. Auf die Idee kam ich, weil viele Kunden danach gefragt haben, es aber keine passende Lösung am Markt gab. Wir tauften das Tool auf den Namen 247GRAD Publisher. Die erste Version war sehr simpel und konnte genau das, was eingangs erwähnt wurde, mehr nicht. Wir ließen erste Kunden auf die Plattform, um diese einem Praxistest zu unterziehen. Daraufhin wurden wir mit Featurewünschen und Ideen überflutet. Ich war mir sicher, dass es sich lohnt, dieses Projekt auszubauen.

In der Agentur 247GRAD waren wir mit Kundenprojekten gut ausgelastet, sodass für den Publisher immer nur nebenbei Zeit war. Es ging nicht schnell genug voran. Ich beschloss, zusammen mit meinen Bekannten Björn Schumacher und Eugen Schäfer ein weiteres Unternehmen zu gründen, die 247GRAD LABS GmbH, die sich ausschließlich mit der Weiterentwicklung dieser Software beschäftigt. Diese erhielt den neuen Namen 247GRAD CONNECT. Damit schnell ein eigenes Team aufgebaut werden konnte, holte ich Investoren mit ins Boot. Nun hatte ich also zwei Firmen zu führen und musste zusätzlich auch noch die Investoren überzeugen und auf dem Laufenden halten.

Es folgte die schwierigste Zeit überhaupt. Die Entwicklung der Software war viel komplexer als vorher angenommen. Es wurden zwar bereits zahlreiche Features implementiert, unsere Kunden mussten aber dennoch mit der Vision der fertigen Software überzeugt werden. Sie mussten etwas bezahlen, was es faktisch noch nicht vollständig gab. Eine Zerreissprobe für alle Beteiligten, jedoch der einzige Weg, weiterzukommen. Ich musste von Monat zu Monat denken, weil auch das Geld begrenzt war. 2016 folgte abermals ein gravierender Einschnitt. Wir mussten einsehen, dass die Architektur von 247GRAD CONNECT nicht für die Dimensionen geeignet war, in die wir nun vordrungen. Parallel zum Betrieb der bestehenden Software wurde mit einer kompletten Neuentwicklung von Null gestartet, diesmal mit einer stabileren Architektur. Dazu benötigte es enormen Einsatz des Teams, außerdem musste aber auch Geld akquiertert werden und zwar durch Neukundengewinnung. In dieser Phase alles andere als einfach, am Ende aber dennoch die richtige Entscheidung.

dirico.io auf der dmexco in Köln

dirico.io erobert die Welt

Das neue Content Management Tool dirico.io löste nach und nach 247GRAD CONNECT ab und der Funktionsumfang wuchs enorm an. Auch dabei kam es immer wieder zu Brüchen im Team, so verließ der CTO Eugen Schäfer das Unternehmen und später auch Björn Schumacher. Danach war ich, wie zuvor auch bei der Agentur 247GRAD, der alleinige Geschäftsführer, was zu einer enormen Belastung führte. In der Agentur übernahm daher Thomas Berg als operativer Geschäftsführer das Tagesgeschäft, zusammen mit den Abteilungsleitern. Ich fokussiere mich aktuell auf die Produktvision von dirico.io und die Akquise von Konzernkunden, die mit uns daran glauben und mit deren Hilfe wir dirico.io jeden Tag erweitern und verbessern.

Filmaufnahme für dirico.io

Was habe ich gelernt?

Zum Abschluss einige Learnings, die ich zukünftigen Gründern aus meiner persönlichen Erfahrung mitgeben möchte:

Wie baut man eine erfolgreiche Company auf? Was zählt?

  • Die Idee
  • Das Team
  • Das Geschäftsmodell
  • Die Finanzierung
  • Die Umsetzung
  • Das Timing

Meine persönlichen Tipps

Am Anfang sollte das „Warum“ stehen, der Sinn hinter der Unternehmung. Es muss klar sein, welches Problem gelöst wird und wo die Einzigartigkeit liegt. Nicht zu unterschätzen ist die Auswahl der richtigen Menschen. Der Aufbau eines Teams, in dem die Chemie auf persönlicher Ebene stimmt und in dem eine gemeinsame Unternehmenskultur entsteht, ist enorm wichtig. Sobald es an die Produktentwicklung geht, bin ich Fan des MVP, also schnell und mit der allernötigsten Funktionaliät online gehen. Hierbei ist die Usability entscheidend, das Nutzererlebnis muss positiv sein. Mit dem von den ersten Nutzern gesammelten Feedback wird die Weiterentwicklung befeuert. Von Beginn an lege ich Wert auf die Gewinnung von zahlenden Kunden, auch in einer frühen Phase. Verkauft die Vision und entfacht Begeisterung. Wenn Meilensteine erreicht wurden, solltet ihr das gemeinsam feiern, auch das gehört dazu. Ansonsten: Fokussiert bleiben und anders sein als das, was es schon gibt!

Welche Eigenschaften braucht ein Gründer?

Einen langen Atem. Das Startup-Business ist wie Ausdauersport und tatsächlich harte Arbeit. Als Gründer muss man lernen, überzeugend zu kommunizieren. Das hilft einem beim Aufbau eines Netzwerks. Eine ganze Portion Mut ist erforderlich, die Gründung ist immer ein Risiko dass man bewusst eingeht. Es wird dazu kommen, dass ihr ein Team leitet, also müsst ihr euch die Kunst der Menschenführung aneignen. Nicht zuletzt helfen Bescheidenheit, die Fähigkeit, Rückschläge wegzustecken und das gewisse Gespür für einmalige Gelegenheiten.

Sascha Böhr
Über mich

Sascha Böhr

Gründer und CEO von 247GRAD und dirico.io. In diesem Blog schreibe ich über meine Erfahrungen aus den Bereichen Unternehmertum, Geschäftsmodelle, Social Media Marketing, Digitale Trends und Vertrieb.

Meine Unternehmen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Jeden neuen Beitrag direkt lesen.

Abonniere meinen Newsletter und profitiere von Informationen und Erfahrungsberichten aus den Bereichen Unternehmertum, Geschäftsmodelle, Social Media Marketing, Digitale Trends und Vertrieb.
Ungefähr eine E-Mail pro Monat, kein Unfug, versprochen!